Hier gibt´s nun einen Bericht über die Restauration meines ORGAPHON 26MH Verstärkers.

...jedenfalls vermute ich (nach einigen Recherchen), daß es sich um diesen Typ handelt, denn am Gerät befindet sich kein direkter Hinweis wie ein Typenschild oder Ähnliches.
Wenn ich richtig liege, dann gibt es den ansonsten baugleichen Verstärker auch mit der Bezeichnung 25MH als Combo mit 1x 12“ Speaker, ich habe jedoch das Topteil.

Diesen Verstärker bekam ich vor Kurzem von einem Freund im Tausch gegen einen Mikrofonvorverstärker. Der Zustand des Amps war irgendwas zwischen „stark restaurierungsbedürftig“ und ausgesprochen „kriminell“...

Hier ein Bild des Verstärkers im Zustand, wie ich ihn bekommen habe:
original

Es folgen ein paar Kuriositäten, die ich in dem Verstärker so fand. Dies soll auch gleich ein kleiner Wink sein, wieso man 45 Jahre alte Geräte nicht einfach so in Betrieb nehmen sollte, ohne vorher mal nen Fachmann drüber gucken zu lassen:
  • Die Haupt-Anodenspannungsleitung (vom Siebelko des Netzteils zum Standby-Schalter) war nicht verlötet, sondern um die entsprechenden Anschlüsse drumrumgewickelt. Sowas hatte selbst ich vorher noch nicht gesehn...
  • Das Versorgungskabel zwischen Vorstufe und Netzteil / Endstufe (mit 350V Anodenspannung druff!!) war bröselig wie Zwieback. Großflächig fehlte bereits die Isolation an den Anschlüssen.
  • kabel
  • Die Hallspirale war ein weiteres Highlight einer „professionellen Reparatur“: Hier hatte jemand ein Stück Draht an die Messingbuchse gelötet, die normalerweise den Magneten und das Feder-Ende trägt. Auf der anderen Seite war dieser Draht umgebogen und die Feder dort eingehängt. Ich hab Bauklötze gestaunt...
  • hall
  • Der komplette erste Kanal war totgelegt, das komplette Triodensystem dieser Stufe abgelötet, das Klangregelnetzwerk ebenso. Stattdessen hat jemand die Eingänge von Kanal 1 mit auf´s Gitter von Kanal 2 gelötet und somit aus einem 4-Kanal Verstärker kurzerhand nen 3-Kanäler gemacht, mit zahllosen wirkungsfreien Knöppchen auf der Frontpatte...
  • Erwartungsgemäß für so einen alten Verstärker waren die Elkos, Trimmer und Röhren in teils ziemlich schlechtem Zustand.
  • Das Gehäuse war recht lieblos überpinselt worden - die Mühe, dazu das Chassis aus dem Holzgehäuse zu schrauben hat sich der ursprüngliche Vorbesitzer nicht gemacht - stattdessen ist überall graue Farbe auf den Metallteilen und den verbleibenden Zierleisten.



Nun habe ich mit der RESTAURATION begonnen.
Zunächst habe ich alle „üblichen Verdächtigen“ sowie die ganz klar defekten Bauteile getauscht: Der Amp hat (zunächst mit Ausnahme der HV-Becherelkos) komplett neue Elkos bekommen. Die Becherelkos sind in den entsprechenden Werten nicht einfach zu bekommen, so werde ich zunächst die Originale durchmessen bzw. gegebenenfalls versuchen, diese neu zu formieren.
Die Uralt-Germaniumdioden wurden durch moderne ersetzt und die Bias-Schaltung wurde komplett überarbeitet. Die Symmetrierwiderstände für die AC-Röhrenheizung waren durchgebraten - ich habe sie durch leistungsfähigere Ersatztypen ersetzt.
Außerdem habe ich in diesem Amp Kathoden-Meßwiderstände nachgerüstet und auf der Oberseite des Endstufenchassis Meßabgriffe sowie die zum Einstellen des Ruhestroms nötigen Trimmer untergebracht - so kann diese Einstellung nun komfortabel und ohne Arbeiten an der Anodenspannung bei zusammengebautem Gerät erfolgen.
Die nötigen Trimmer und Buchsen hab ich in die ungenutzten Aussparungen für 2 Röhrensockel (vermutlich ursprünglich für eine Version mit 4 Endröhren gedacht) eingebaut:
chassis_oben

biasplatine

In der Vorstufe wurde zunächst nach Schaltplan alles wieder in den Originalzustand zurückgestrickt.
Danach habe ich die Kathodenelkos ausgetauscht. Die defekte Hallspirale wurde durch eine Hammond-Spirale (Baujahr 1967, die bei mir noch rumflog) ersetzt. Impedanzmäßig weicht sie leicht vom Original ab, sollte aber funktionieren. Falls nicht, habe ich ja noch die Spulen von der Originalspirale und kann diese eventuell umbauen. Der Original-Halltank saß wohl in Schaumgummiaufhängungen, von denen allerdings nach den vielen Jahren außer ein paar Krümeln nicht mehr viel übrig war. So habe ich das Teil mit Gummidämpfern am Chassis (Originalplatz) verschraubt.
Die Verbindungen zwischen Vor- und Endstufe bestehen im Original aus 2 Kabeln, die fest an den Geräten verlötet waren. Ich habe diese Verbindungen nun steckbar gemacht, mit einem Stecker für das Signal und einem separaten für die Versorgungsspannungen des Vorverstärkers. Ausnahme hier von ist selbstverständlich der Schutzleiter, der auf beiden Chassis verschraubt und auf einwandfreie Funktion gecheckt ist. Zum Arbeiten am Amp kann der Schutzleiter aber leicht vom Endstufenchassis abgeschraubt werden, und somit beide „Verstärkerhälften“ separat gewartet werden.

Sooo, mittlerweile (19. Jan 2011) läuft der Verstärker bereits richtig gut. Leider ist eine der beiden bei iBäh ersteigerten PL84-Endröhren defekt, insofern muß ich zunächst die originalen TFK-Röhren weiterverwenden, die allerding ihre beste Zeit wohl schon hinter sich haben...

Sämtliche Becherelkos hatten noch ordentliche Werte und mußten so nicht ersetzt werden - prima!
Nach dem ersten Einschalten (noch bei viel zu niedrigem Bias) zeigte sich bereits, daß der Amp schöne Cleansounds liefert, mit einem schön nach Fender klingendem Hall. Der Vibrato (eigentlich ein Tremolo) klingt obergeil, und das tolle an diesem Amp ist: Man kann die Hallfahne (also das Return-Signal von der Hallspirale) mit Tremolo versehen! Klingt dann ein bißchen wie ein Schepper-Delay. Das kann sonst kaum ein Amp! Außerdem kann man die Lautstärke eines Kanals komplett zudrehen, aber den Reverb-Regler öffnen und bekommt dann das reine Reverb-Signal. Ein netter Effekt, mit dem man sehr interessante Überblendeffekte erzeugen kann.

Die Bias-Schaltung wurde nochmals abgeändert, so daß sich auch mit den ausgelutschten Originalröhren ein korrekter Ruhestrom einstellen ließ. Und schon hat der Amp auch Wumms und fängt richtig an zu klingen.
Bevor ich die beiden Chassis nun ins Gehäuse baue muß ich noch ein wenig an den Pegeln justieren. Der Gain bei aktivem Vibrato ist noch deutlich zu klein, man kann mittels drei Trimmer die Pegel zwar anpassen, aber dann ist der Gesamtgain äußerst niedrig. Vielleicht ist also eine der Vorstufenröhren defekt. Auch muß ich den Amp noch etwas im Bezug auf Rauschen / Brummen optimieren.

Übrigens, als kleinen Tip für zukünftige Bastler, die einen solchen Amp vor sich haben: Die Becherelkos sind teilweise isoliert vom Chassis montiert. Der Alubecher vom mittleren Elko liegt dabei auf über 100VDC bezogen auf Masse. Aus Sicherheitsgründen empfiehlt es sich daher, den Becher zu isolieren. Allerdings liegen im geöffneten Amp (unter der Abdeckung) auch die hochspanungsführenden Anschlüsse zum Preamp blank... Vorsicht ist hier also in jedem Fall angesagt!!!
Grundsätzlich gilt: An (und in) diesem Amp darf man nur herumwerkeln, wenn man weiß was man tut!! Das gilt grundsätzlich für Röhrengeräte und Elektronik, die mit gefährlichen Spannungen arbeiten!! Deshalb auch hier nochmal ausdrücklich die Warnung, daß Strom tot machen kann! Und 350V Anodenspannung machen beinahe doppelt so tot wie 230V Netzspannung! Ich erkläre hier ausdrücklich, daß ich für die Folgen irgendwelcher Basteleien an solchen Geräten keine Verantwortung übernehme! Bitte laßt die Finger von so Sachen, wen ihr davon nix versteht!!!

Soderle, mittlerweile haben wir den 24. Januar und der Amp ist zusammengebaut, im neu gestrichenen Gehäuse. Ist wirklich ein schmuckes Teilchen geworden. Es sind immer noch Kleinigkeiten dran zu machen, die ich irgendwann bald mal erledigen möchte, aber das Wichtigste: Nun ist er einsatzbereit, mein Orgaphon!

So sieht nun das Stack aus:
orga_0326

Etwas näher:
orga_0328

...und hinten glimmt´s (damit´s schöner aussieht, mit abgenommenen Schirmkappen):
orga_0334

Eine Überraschung hab ich denn auch noch erlebt: Denn wo Hohner draufsteht ist offensichtlich auch Hohner drin...
Der Kanal 2 (für Akkordeon und Bass - und somit vielleicht der hohnerigste Kanal dieses Amps überhaupt) klingt rattenscharf an der Harp! Ob es bei Hohner unter den Amp-Entwicklern wohl in den 60er Jahren schon Kim Wilson Fans gab? Fast könnt man das meinen....
Ich habe ein altes, leeres Ampgehäuse mit nem 12er Jensen drunter gepackt und mich hat´s beinah weggepustet. Dieser Sound übertrifft alle meine Erwartungen deutlich, schön dreckig, rotzig und dennoch mit gutem Wumms... Herrrrrlich...